Auf einer Schnecke nach Kyonan, Chiba

Auf einem Symposium für theoretische Chemie habe ich selten viel verstanden; mit einer Sprachbarriere, die gefühlt einen Kilometer hoch ist, wird das kleine Flämmchen direkt ausgeblasen. Dazu kommt, dass auch viel über physikalische Chemie erzählt wurde; und davon habe ich selbstverständlich keine Ahnung.

Das Symposium hat also angefangen, wenn auch nur mit meiner physischen Anwesenheit. Nun ja, wissenschaftlich nehme ich also nicht viel mit nach Hause, anderes gilt für Land und Leute, oder auch Essen und Trinken. Insbesondere das Tagungsheim hat es mir ein wenig angetan.

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Einquartiert wurde ich in ein luxuriöses Doppelzimmer mit meinem schnarchenden Zimmergenossen Matsuzawa-sensei. Im Vergleich zu allen anderen Behausungen ist dieses Appartement gerade zu ein Palast. Dennoch mag ich meinen Bunker im Suiko So ein wenig mehr, der Teekocher und die Handtücher fehlen hier dann doch. Zum Wohlfühlen reicht es dann aber doch.

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Interessanter als die lokalen Gegebenheiten ist möglicherweise die Fahrt. Der Tagungsort liegt nur etwa 200 km entfernt von Mito-shi; die Fahrt hat dennoch ca viereinhalb Stunden gedauert. Hauptsächlich lag das an der japanischen Infrastruktur. Auf kleinen Gassen (erlaubte 40 km/h) kommt man eben nur schleppend voran. Generell sind alle Straßen sehr eng und oft darf man auch nur 50 km/h fahren. Gibt es einmal eine größere Straße, auf der man mal mit 80 Sachen rumbrettern darf, so muss man dennoch sehr vorsichtig fahren, weil die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo ein Fußgängerüberweg aus dem Nichts auf taucht sehr hoch ist. Auf der Autobahn, genannt Express Way,  sind dann schon 100 km/h erlaubt, die man jedoch selten fahren kann. Diese Straßen zu benutzen lässt sich häufig nicht vermeiden, sie sind aber sehr teuer (etwa 4000 Yen für zirka 100 km).

Wenn ich nicht gerade geschlafen habe – ich musste um 4.30 Uhr aufstehen – hat man doch so einiges sehen können. Da Mori-sensei ein chaotischer Fahrer ist, war ich also annähernd die ganze Zeit wach. In Japan ist an beinahe jeder Kreuzung eine Ampel. Manchmal sind so viele Ampeln hintereinander, dass man leicht den Überblick verliert. In der Stadt fallen sie abends neben der vielen Leuchtreklame auch nur schwer auf. An vereinzelten Kreuzungen findet man eine Art von Sparampel. Anstelle eines Vorfahrtsschildes blinkt sie wild Gelb oder Rot. Den Fahrzeugen, denen Gelb gezeigt wird, wir signalisiert, dass sie vorsichtig passieren dürfen. Steht man Rot gegenüber, muss man zunächst anhalten. Es ist eigentlich fast immer ratsam an Kreuzungen ohne Ampel sehr vorsichtig vor zu fahren, so kann man Fahrradfahrer auch nicht übersehen.

Eine weitere Kuriosität sind Baustellen. Diese werden von Polizisten bewacht, die auch die Aufgabe haben den Verkehr zu regeln. Befindet sich eine solche Baustelle auf einem Fußweg, so reicht ein Aufpasser. Hier bekommt man signalisiert, ob man gehen darf oder warten muss. Beim Durchschreiten eines solchen Engpasses verbeugt man sich bis zu drei mal: Wenn man warten muss, wenn man gehen darf und wenn man am Beamten vorbei geht. In Stoßzeiten wird vor der Universität vollständig der Verkehr geregelt, aller Verkehrszeichen zum Trotz. Sind mehrere Polizisten für den Verkehr zuständig, so gibt es regen Funkkontakt.

Auch an Tankstellen wird fleißig eingewiesen. Wenn viel Verkehr ist, dann sind dazu auch mehrere Menschen notwendig. Die auf diese Weise Angestellten werden dann aber an der Kasse gespart. Hier gibt es nur Tankautomaten.

Nach der Fahrt ist vor dem Symposium

An diesem Wochenende hatte ich das Vergnügen in viele verschiedene kulinarische Genüsse einzutauchen. Das fing mit einem Sandwich im Konbini an, ging weiter mit frittierter Makrele und Miso Suppe, später ein japanisches Festmahl zum Abendessen und hörte bei einem traditionellen Frühstück noch nicht auf. Da ich niemanden stören wollte habe, ich keine Bilder gemacht – alles war jedoch sehr schmackhaft. An dieser Stelle möchte ich noch einmal betonen, dass frische Miso Suppe gut schmecken kann. Eine wahre Herausforderung ist es, ein Fischfilet mit den Essstäbchen zuerst zu zerkleinern und anschließend die entstandenen Fetzen unbeschadet zum Mund zu führen. Da nimmt dann auch der geübteste Japaner mal einen Löffel zu Hilfe.

Im Anschluss an das Abendessen gab es die Party. Japaner vertragen keinen Alkohol. So zumindest ein geläufiges Vorurteil. Ich kann das nicht bestätigen. Es wurde noch bis zirka zwei Uhr gefeiert. Da ich am nächsten Tag leider meinen Vortrag halten musste, bin ich jedoch früher zu Bett gegangen. Nachdem der Gemeinschaftsbereich geschlossen wurde, ging es in einem der Zimmer weiter – das war der so genannte ‘Alcohol-Room’. Auf der Party wurden neben einem Kasten Bier (24 x 500 mL)  und mehreren Sixpacks – es waren etwa 30 Teilnehmer – vor allem Mengen an Sake konsumiert. Leider schmeckt mir ausgerechnet das Nationalgetränk (abgesehen von grünem Tee) nicht. Das könnte bei späteren Treffen noch hinderlich werden.

Der Ablauf der Konferenz ist sehr ähnlich zu dem anderer Symposien, die ich besucht habe. Elementarer Unterschied ist, dass hier niemals jemand die Redezeit überziehen würde – Sehr angenehm. Abgesehen davon ist hier jeder Typus vorhanden: Die Schläfer, die Arbeiter, die Spieler, die Leser, hin und wieder auch jemand der zuhört. In Anbetracht der Größe des Symposiums ist es vielleicht auch vollkommen normal, dass man im Vortrag unterbrochen wird. Das ist auch mir geschehen. Alle Anwesenden waren sehr bemüht meinen Ausführungen zu folgen; am Ende gab es sogar Fragen. Insgesamt ein erfolgreicher erster Auftritt als Mitglied der Universität Ibaraki.

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Auch mit einem anderen Vorurteil möchte ich aufräumen: Es ist keineswegs so, dass alle Japaner kleiner sind als ich. Mori-sensei ist sogar etwas größer. Dennoch versuchen sich alle klein zu machen. In den meisten Fällen ist das auch notwendig, weil Tische und Türen oft ein wenig kleiner ausfallen. Vor allem mein Schreibtisch wird mir wahrscheinlich noch einige Schmerzen bereiten.

Meine ersten Visitenkarten durfte ich auch in Empfang nehmen. Eines der wenigen Rituale, auf die ich mich vorbereitet habe. Trotzdem hat es mich ganz eiskalt erwischt. Da heißt es ‘My name is …’ und schon hat man eine Visitenkarte in der Hand. Natürlich hatte ich mein Buch nicht dabei und musste erst einmal suchen – peinlich. Aber auch das wird schnell verziehen, mit einem Lächeln und einer Verbeugung quittiert. An das Verbeugen gewöhnt man sich sehr schnell.

Einige wenige Japaner haben schon Erfahrung mit Europäern und Amerikanern und sind ganz erpicht darauf die Hand zu schütteln. Die entgegengestreckte Extremität gleicht zwar mehr einem nassen Lappen als einem richtigen Händedruck, aber ich wurde ja gewarnt.

Etwas anderes habe ich auch gelernt. Japanerinnen dürfen jederzeit wie kleine Mädchen aussehen. Minori-sensei, Professorin an der Tokyo Metropolitan University, hat alle Accessoires in Pink und sieht von weitem aus wie ein Schulmädchen. Das wirkt etwas befremdlich, weil sie sich dadurch kaum von den, sie umgebenden, Studentinnen abhebt.

Science: It works, bitches!

Etwas geschlaucht bin ich jetzt wieder an meinem Schreibtisch in der Universität. So lange ich noch keine richtige Adresse und dementsprechend auch noch kein Internet habe, kann ich nur hier schreiben. Und da ich am Montag wieder umziehe, aber bis dahin alles vergessen habe, wollte ich diesen Tagebucheintrag noch absenden. Ich werde sicher auch in Japan nicht zum Workaholic – oder doch? Sag niemals nie.

Ab Dienstag warten dann harte Fakten auf mich. Eine kurze Einweisung in mein Arbeitsgebiet gab es schon. Nun ist es an der Zeit den übergebenen Krempel zu sichten und aufzuräumen, dann wird der Aufenthalt auch wissenschaftlich ein Erfolg. Neben dem steht aber auch die Sprache im Vordergrund, denn langsam und allmählich wäre ich dankbar, die Kassiererin im Supermarkt auch zu verstehen.

(Das angehängte Gruppenfoto der Konferenz werde ich noch mit Namen versehen. Aber nicht mehr heute, dazu ist ein wenig mehr Konzentration notwendig.)

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3 responses to “Auf einer Schnecke nach Kyonan, Chiba

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