Ein Labyrinth namens Mito

Der Montag hatte es mal wieder in sich: Umziehen auf japanisch. Das darf man jetzt ruhig positiv sehen; es war das letzte Mal. Ab so fort wohne ich in einem Apartment im ‘Ibaraki University International House’. Vergleichbar ist das mit einem ganz normalen Studierendenwohnheim. Ein bisschen fühle ich mich auch zurück versetzt ins Christian-Wolff-Haus in Marburg.

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Auf dem Bild ist der Eingangsbereich zu sehen. Dort befindet sich auch die ‘Lobby’ – ein Gemeinschaftsraum mit Sofas und einem Fernseher und Kühlschrank. Man könnte es auch als Wohnzimmer der Austauschler bezeichnen.

Mein Apartment

Die Treppe hochgehen und gleich auf der linken Seite befindet sich mein Apartment.

Mein Zimmer liegt in einem angrenzenden Gebäude. Der Fußweg zum Fahrradständer ist gemütliche zehn Sekunden weit weg und das schließt die Zeit zum Tür versperren mit ein. Von diesem Ankerpunkt sind es zu Fuß etwa 15 Minuten bis zur Universität, mit dem Fahrrad je nach Ampelschaltung 5-8 Minuten. In die Stadt ist der Weg jetzt dementsprechend länger geworden.

Der Supermarkt, eine Drogerie und mehrere kleine Lädchen und Restaurants sind in unmittelbarer Umgebung. Man könnte also sagen, dass es ganz ideal liegt. Der Weg zum Alles-in-einem Supermarkt, der MEGAドン・キホーテ (Mega Don Quijote), ist auch gar nicht so weit und der lohnt sich wahrscheinlich sehr, da es dort ja gute Rabatte auf die Sushi Boxen nach 20.00 Uhr gibt.

Der Tag beginnt…

Einigermaßen entspannt bin ich nach meiner letzten Nacht im Suiko So aufgewacht. Ich hatte sogar etwas verschlafen, was mir hier noch nicht passiert ist. Dann musste alles etwas schneller gehen, war aber auch kein Problem. So gegen neun Uhr war ich dann im Büro. Ich hatte gerade genug Zeit um meine E-Mails zu lesen und zu beantworten, da ging es auch schon fast los. Schnell noch gestempelt und dann ab auf die Piste.

Erste Station war die Etage unter unserem Büro. Robert-sensei (Prof. Robert Szilagyi, Montana State University) hat dort ein paar Sachen zu meiner Verfügung zurück gelassen. Er hatte zuvor etwa fünf Monate sein Sabbatical hier verbracht. Das war eine ganze Menge und hat angefangen beim Geschirr und aufgehört bei Handtüchern. Den ganzen Kram haben wir dann bei Ishi ins Auto geladen und weiter ging es zum Suiko So um meine Koffer zu holen.

Nächste Station war dann wieder das Bürgerbüro. Ich musste mich offiziell ummelden. Dafür durfte ich dann wieder eine Stunde warten und 700 Yen abdrücken. Ishi und Konno hatten Hunger – ich auch, denn es war ja keine Zeit zum Frühstücken – also haben wir uns für was ganz Traditionelles entschieden: KFC (Kentucky Fried Chicken). Die Burger-Bar befindet sich im Mega Don Quijote, wenn einen beim Einkaufen mal der Hunger packt.

Da ich ja jetzt endlich eine permanente Adresse habe, mussten wir also zur Bank. Ich durfte wieder Kanji malen und natürlich mussten wir warten. Immerhin weiß ich jetzt wo ich Geld bekomme. Die Bank liegt auf dem direkten Weg vom International House zur Universität. Über mein erstes Geldabhebungsmanöver werde ich berichten wenn es stattgefunden hat.

Endlich war es dann soweit. Gegen 13.00 Uhr sind wir dann ins International House gefahren. Dort habe ich dann mein Zimmer bezogen, leider war es nicht sauber. Im Wohnheim gibt es Tutoren, die als Ansprechpartner für Probleme dienen. Nach kurzer Zeit kamen dann zwei dieser Tutoren: Shingen und Madoka, um mich willkommen zu heißen. Hilfsbereit und freundlich wie alle dort sind, wurde auch zunächst das Zimmer grob gereinigt. Die Tutoren haben ihr Putzmaterial zur Verfügung gestellt, sonst hätte alles noch länger gedauert. Da das Appartement sehr klein ist, haben wir uns eher auf den Füßen gestanden, als uns tatsächlich gegenseitig zu helfen. Roberts Zeug musste auch noch aussortiert werden, da war einfach noch viel zu viel unbrauchbarer Krempel dabei.

Irgendwann gegen drei Uhr kam dann auch der Gas, Wasser und Strom-Mann und hat alles angeschlossen und überprüft. Er hat mir mit Händen und Füßen vermittelt, wie hier alles funktioniert. Das war auch so ziemlich das erste Mal, dass ich in Japan etwas unterschreiben musste. Interessant, dass hier niemand ein Stempelkissen zur Hand hatte.

Jetzt fehlten noch so ganz wichtige Haushaltsgegenstände, wie Kopfkissen und Bettdecke. Also ging es dann gleich ins Einrichtungshaus. Scheinbar hat Mito so etwas ähnliches wie ein Gewerbegebiet, das relativ weit weg vom Zentrum liegt. Dort hab ich dann meine fleißig verdienten Euro hin geschafft. Etwa 17.000 Yen musste ich für den ganzen Kram hinblättern. Immerhin kann ich jetzt sagen, dass ich vorerst vollständig eingerichtet bin.

Langsam wurde auch die Zeit knapp, denn ich wurde von den Tutoren zum Abendessen um 18.30 Uhr eingeladen worden. Also noch schnell zum Supermarkt, Shampoo und andere Hygiene-Bedarfsartikel kaufen und alles im Wohnheim abladen. Hurtig, hurtig wieder in die Universität zurück, denn dort stand ja noch mein Fahrrad. Computer und Jacke hatte ich auch nicht mitgenommen.

Ein wenig Zeit zum Verfahren musste ich ja auch einkalkulieren. Das hat sich auch bewährt, weil ich etwa drei mal an der Gasse vorbei gefahren bin, bevor ich sie überhaupt als solche wahrgenommen habe. Alle Straßen und Gassen sind hier verwinkelt und verschachtelt. Was auf der Karte wie ein gewöhnlicher Weg aussieht, kann auch einfach nur eine zwei Meter breite Gasse sein. Mit ein paar mehr Sackgassen wäre es das perfekte Labyrinth. Aber keine Angst, man kann sich auch so verlaufen. (Mein Tablet ist mittlerweile zum ständigen Begleiter geworden. Dank MapFactor Navigator und GPS konnte ich mich bisher immer wieder orientieren und mein Ziel doch noch finden.)

Welcome to Japan!

In der Lounge haben mich dann direkt etwa fünfzehn neue Gesichter angeschaut. Alle sind Austauschstudierende, die meisten kommen aus Asien und insgesamt drei kommen aus den USA. Einen weiteren Europäer habe ich bislang noch nicht kennen gelernt. Die Stimmung war ausgezeichnet und die meisten haben Englisch zumindest gut verstanden. Ich würde ja jetzt anfangen Namen aufzuzählen, aber ich konnte mir maximal die Hälfte überhaupt merken. Das wird sich hoffentlich auch bald geben.

Und dann sind wir aufgebrochen zu einem kleinen japanischen Restaurant. Wenigstens gehen die Austauschler mit mir traditionell essen. Mehrere kleine bis große Abteilungen stehen hier zur Verfügung. Nachdem man sich seiner Schuhe entledigt hat tritt man über ein paar Stufen in ein solches Separee. Der Fußboden ist gleichzeitig die Sitzfläche, jedoch ist unter dem Tisch Platz für die Beine. Auch hier wollte ich niemandem zu Nahe treten und alles gleich im Bild fest halten.

Wenn es ums Bestellen geht herrscht kunterbuntes Durcheinander. Jeder darf mit entscheiden, was auf den Tisch kommt. Alle bestellen hier zusammen und jeder kann sich dann nehmen was er mag. Da kommt dann auch eine ganze Menge zusammen. Angefangen mit Salaten, über frittiertes Huhn, Fisch und Fleisch, aber auch bis hin zu Tofu. Letztgenanntes ist überhaupt nicht mit den Eiweisklumpen, die man in Deutschland so kaufen kann, vergleichbar. Dann wird fleißig geredet und gescherzt, in diversen Sprachen: Japanisch, Englisch, Koreanisch, selten Chinesisch und hin und wieder bekommt man auch ein paar Brocken Deutsch vor die Füße geworfen. Scheint im asiatischen Raum durchaus eine Sprache zu sein, die man in der Schule lernen kann.

Es gab im Restaurant auch eine allgemeine Vorstellungsrunde, aber wie oben schon erwähnt ist davon leider nicht viel hängen geblieben. Als ich mich dann vorstellen sollte, waren alle deutlich überrascht, dass ich schon promoviert bin. Das ist hier wohl gar nicht so üblich. Große Augen und lautes ‘Ohhh’ schallte durch das Restaurant. Dann wollten mich alle nur noch Dr. Martin nennen, was ich aber unterbinden konnte.

Nach dem Essen ging es wieder zurück in die Lounge. Man könnte sagen um dort ein bisschen abzugammeln. Es wurde dann noch das ein oder andere Getränk daher gebracht und wahrscheinlich bis spät in die Nacht noch weiter zusammen gesessen. Durchaus ein munterer Haufen. In diesem Zusammenhang ist mir jedoch wieder einmal aufgefallen, dass meine Studentenzeit vorbei ist. Vor zehn Jahren hätte ich bestimmt mit bis zur Ohnmacht weitergefeiert, aber mich hat es dann doch erstmal ins Bett gezogen.

Einiger Papierkram muss jetzt noch erledigt werden. Irgendwann schaffe ich es dann vielleicht auch mein erstes Wochenende in Mito hier zu teilen. Neben jeder Menge neuer Erfahrungen gibt es auch noch eine ganze Menge zu sehen. Auch mein Zimmer werde ich in angebrachter Weise für die Ewigkeit digitalisieren.

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