Nomikai (飲み会)

Ein fester Bestandteil der japanischen Kultur sind regelmäßige Veranstaltungen in denen man sich nach getaner Arbeit trifft um sich näher kennen zu lernen. Dadurch wird das soziale Gefüge einer (Arbeits-) Gruppe gefestigt. Vergleichbar ist die Veranstaltung am ehesten mit einem Feierabendbier, welches auch in Deutschland viele Freunde hat. Hier, wie auch da, kann “ein Bier” ein dehnbarer Ausdruck sein. Üblicherweise sind beide Komponenten äußerst variabel. Nicht selten enden diese Veranstaltungen mit deutlich längeren Heimwegen, vorausgesetzt man befindet sich nicht schon zuhause. Ein Nomikai braucht daher nur selten einen konkreten Anlass – ein Anlass braucht aber fast immer ein Nomikai.

Willkommen in Mito

Nach etwa einem Monat in Mito hat die Arbeitsgruppe am 6. Dezember eine Willkommensparty veranstaltet. Mir gab es einigen Einblick, wie im eher privaten Rahmen gefeiert wird. Die Vorbereitungen für ein Nomikai werden meist von mehreren Personen getroffen. So auch bei meinem Willkommen. Am Nachmittag ist die halbe Arbeitsgruppe aufgebrochen um einzukaufen.

Traditionell wird bei diesen Veranstaltungen nahezu kontinuierlich gegessen. Sehr beliebt ist selbstverständlich verschiedene Arten Sushi. Ein weiteres kulinarisches Highlight sind frittiertes Huhn und Fisch, bzw. Garnelen. Damit den ganzen Abend gegessen werden kann, werden häufig Okonomiyaki (お好み焼き) gemacht. Ein Einkauf mit vier Personen für acht Teilnehmer kann dann schon eine kleine Weile dauern – nicht selten wird sich erst an einem Regal darauf geeinigt, was man denn braucht. So hat das Einkaufen dann auch geschlagene drei Stunden gedauert. Neben den Zutaten durften natürlich Bier und Sake nicht fehlen. Im Anschluss war man natürlich etwas unter Zeitdruck den ausgemachten Termin mit Mori-sensei noch zu halten.

An der Universität musste dann auch alles ganz schnell gehen, denn die Wohnung meines Vorgesetzten ist in der Nähe des Bahnhofs und man benötigt etwa ein halbe Stunde mit ÖPNV.

Ein Hoch auf unser’n Busfahrer!

An dieser Stelle möchte ich doch gleich darauf verweisen, dass man hier im Kleingeldland ist. Da ist es natürlich unvorteilhaft, dass ich jeden Abend sämtliches Kleingeld aus meinen Taschen entferne und in meiner Wohnung daher immer mehr davon anhäufe. Leider braucht man es immer und überall. Vor allem beim Busfahren. In jedem Bus befinden sich daher auch Wechselautomaten. Anders als in Deutschland entrichtet man hier – zumindest in Mito – nach der Fahrt seine Beitrag passend in die dafür vorgesehenen Behälter. Heute bin ich etwas schlauer und trage ein ausgeprägtes Sortiment an Münzen mit mir herum.

Allein würde ich mich dennoch nicht trauen Bus zu fahren. Abgesehen davon, dass ich höchstwahrscheinlich nicht da ankomme wo ich hin will, wüsste ich auch nicht wie viel ich für die gefahrenen Abschnitten bezahlen soll. Außerdem würde mein Fahrrad wohl heimlich ein wenig weinen.

Zu Gast bei Mori-sensei

Die Wohnung meines Chefs befindet sich in Downtown Mito. Zentraler wohnen geht gar nicht. Das Gebäude ist außerdem so neu, dass es sich bei Google Streetview noch im Bau befindet. Abgesehen davon bietet es einiges an Komfort, wenn nicht sogar Luxus. Es gibt einen Empfang und auch ein Atrium. Mich würde nicht wundern, wenn der Reinigungsdienst im Mietpreis enthalten ist. Modern und voller technischer Spielereien ist das Apartment ausgerüstet, unter Anderen mit dem neuesten Washlet. Sehr viel größer als ein Schuhkarton ist die Wohnung trotzdem nicht.

Im Eingangsbereich standen dann auch schon säuberlich aufgereiht die Besucher-Hausschuhe. Kurz darauf ging das Gewusel auch richtig los. Für die Okonomiyaki wurde der Teig bereitet, Kohl gehackt, Rettich geraspelt und Fleisch gerupft. Da ich der Gast des Abends war durfte ich natürlich nicht helfen und so konnte ich mich etwas umschauen.

Und dort war sie dann: Die Mito-Erfurt-Connection. An der Wand gegenüber der Küche entdeckte ich einen Kalender. Nun, das ist ja nichts besonderes, aber fasziniert war ich sofort. Das musste genauer betrachtet werden. Abgebildet war ein Straßenbahn (Bild bei Erfurt-Tourismus), die sehr starke Ähnlichkeit mit denen der heimischen EVAG hat. Erst als ich dann zum zweiten Mal hingeschaut habe, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Auf der Anzeige stand Urbicher Kreuz und geschmückt war das Vehikel mit Werbung für die Black Dragons. Also kein Zweifel, abgebildet war der neue Haltebereich am Erfurter Hauptbahnhof.

Nachdem alles vorbereitet war, sich alle mehr oder minder gut in der Wohnung verteilt hatten, gab Mori-sensei einen Toast und ein herzliches Willkommen. Ab dann wurde nicht lange gefackelt und angefangen zu essen. Selbstverständlich sollte ich alles probieren und wurde von jedem versorgt. Der Becher war demnach nie lange leer. Verbunden wurde das Zusammensein mit einem Spielchen. Mori-sensei verlangt von seinen Untergebenen, dass sie englisch sprechen und so wurde das Eis gebrochen. Nach ein paar Stunden wurde alles wieder zurück verlegt in die Universität.

Alles was übrig geblieben ist, wurde eingepackt und mit ins Büro genommen. Darunter auch der Sake. Der musste natürlich noch weg, würde ja sonst schlecht werden. Und ohne den Chef lässt es sich ja doch ein bisschen angenehmer feiern. Also wieder rein in den Bus – Follow the Lead – und zurück ins Büro. Und weiter ging es.

Nach der After-Party ist vor der Party

Währenddessen war auch Hochbetrieb im Wohnheim. Als ich gegen zwei Uhr dort wieder ankam, haben sich die Bewohner gerade daran gemacht Nachschub zu holen. Also auf ein weiteres. Die wilde Mischung der verschiedenen Nationen hat also versucht sich gegenseitig unter den Tisch zu trinken. Im Wohnheim läuft ein Nomikai etwas anders ab. Man bestimmt eine Zeit, wann man sich trifft. Anschließend gehen alle in den Supermarkt einkaufen, wobei die Rechnung gleichmäßig geteilt wird. So wird keiner benachteiligt und kann auch noch trinken was er will. Sehr aufnahmefähig war ich zu dem Zeitpunkt nicht mehr und eine gute Stunde später hatte mich auch mein Bett wieder. Von Samstag wollen wir gar nicht reden…

Gleiche Stelle, gleiche Welle

Vergangene Woche war voller positiver Ereignisse – auf der Micro-Skala – aber immerhin. Angefangen mit der ersten Zahlung der Universität: Der Bonus. Ich berichtete bereits, dass es sich hier um eine Art Jahresabschlussgehalt handelt, welches vergleichbar mit Weihnachtsgeld ist. Dazu gesellte sich, dass das Büro frei von Senseis war. Mori-sensei war in Thailand auf einer Konferenz , während Oriyama-sensei auch außer Haus war.

Da ich ein Paket bekommen hatte (Router) mussten wir zur Post und konnten gleich meinen Bonus verprassen. Dann also wieder mit vier Leuten zuerst zur Bank. Ishi-san hat mir beigebracht wie ich mein hart ersessenes Geld auch bekomme. Das erledigt, ging es zur Post – mitten in die Stadt. Der Verkehr ist egal zu welcher Tageszeit unglaublich. Gemischt mit engen Straßen, Fahrradfahrern, Bussen und Menschen wird jede Fahrt zum Abenteuer.

In der Post läuft es dann ab wie auch in der Bank: Nummer nehmen und setzen, warten. Relativ schnell wurde dann aber schon der Schalter frei und das Paket geholt. Die Überprüfung meines Namens mittels Ausweiß und Paket-Aufkleber war dann schon etwas schwieriger. Aber das ist ja nur verständlich, wenn man das Alphabet nur als Hilfskonstruktion benutzt. Empfangsbescheinigung abstempeln und wieder ins Auto. Auf zum Donki!

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Das Einkaufs-Ritual war mir mittlerweile ja bekannt und da ich ja eingeladen habe, konnte ich auch den Ton angeben. Wagen voll gemacht und ab zur Kasse. Wenn man sich daran gewöhnt hat, dass Bier teuer ist, dann tut es auch schon nicht mehr so dolle weh, wenn man welches kauft. Mal ehrlich, wer kann schon den ganzen Abend Sake trinken. Aber auch der durfte nicht fehlen, genau so wenig wie Whisky. Diverse Sushi, Huhn und andere Spezialitäten, sowie Snacks zum Verzehr eingeladen und es konnte wieder in die Universität gehen.

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Ab etwa 19.00 Uhr nahm die Party dann ihren Lauf, etwas später sind wir ins Nachbar-Büro umgezogen, wo dann wieder Okonomiyaki zubereitet werden. Bei geschlossenen Fenstern ein sehr duftendes Vergnügen. Meine Kleidung musste am nächsten Tag auch ganz dringend gewaschen werden, es roch doch sehr nach Frittenbude in meinem Zimmer.

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Gegen zwei Uhr hatten wir dann auch genug: Genug gegessen, genug Bier, genug Sake, genug Whisky, … Zeit aufzubrechen, schließlich würde der Heimweg lang und beschwerlich werden – und er war es auch. Für eine Strecke benötige ich sonst etwa 10 Minuten, wenn man aber Schlangenlinien schiebt und nicht fährt … Mir geht es gut!


Rezept für Okonomiyaki

Man schneidet einen Kohlkopf in sehr feine Streifen und hebt ihn unter einen Teig aus Eiern (2), Wasser (ca. 300 mL) und Mehl (ca. 300 g). Nach Geschmack kann man noch Rettich und andere Zutaten beifügen, was gerade da ist. Diese Pfannkuchen eignen sich auch gut zum Reste verwerten. Einen großen Löffel Teig auf die heiße Platte geben und anbacken lassen. In der Zwischenzeit kann man zum Beispiel Schinken schon auf dem Pfannkuchen verteilen. Es eignen sich aber auch andere Sorten Fleisch oder Fisch. Je nach Konsistenz sollte man sie möglicherweise schon in den Teig einrühren. Wenn die Unterseite gar ist, den Pfannkuchen wenden und mit BBQ-Soße und Mayonnaise garnieren. Zum Schluss kann man je nach Geschmack Fischflakes und gemahlene Algen darüber streuen. Ein Pfannkuchen teilt man üblicherweise unter vier Personen  auf. Das Essen mit Stäbchen braucht etwas Übung und auch die geübten Japaner brauchen etwas länger diesen Pfannkuchen zu zerlegen. Aber nur Mut, Übung macht den Meister! (Bevor man verhungert darf man aber auch die Finger zu Hilfen nehmen.)

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3 responses to “Nomikai (飲み会)

  1. … haben soeben beschlossen, demnächst Okonomiyaki zu machen … mal schauen, wie lange wir dann lüften müssen …

    • Ist wie immer beim braten, dann riecht die Wohnung halt ein bisschen. Das lohnt sich sehr. Wichtig ist eine gute BBQ Soße, als Ersatz kann man auch Ketchup mit Soja Soße mischen. Und versucht es mit Stäbchen 😉 Das ist gar nicht so kompliziert…

  2. Pingback: Nachtrag: メリークリスマス!Merry Christmas! Frohe Weihnachten! | The Daily Stamp·

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