Eine Schneeflocke macht noch keinen Winter…

Als ich im November aus dem Flugzeug stieg war es noch erstaunlich warm in Japan. Mori-sensei sagte zu mir, es würde noch kälter werden. Damit sollte er auch Recht behalten. Immer wieder kam dann auch die Frage auf, ob die Winter in Deutschland kalt seinen und ich beantwortete das mit “Ja. Meistens. Dieses Jahr aber nicht.” Häufig schließt sich die Frage an, ob viel Schnee fallen würde und auch hier habe ich bejaht. “So ungefähr einen Monat lang liegt auch in Marburg Schnee. Dieses Jahr eher nicht.” Mit Schnee bräuchte ich in Mito kaum rechnen, wenn es hoch kommt, dann sind es ein bis zwei Tage im Jahr.

Man könnte also schon fast von Rekordwinter sprechen, wenn der Schnee mal liegen bleibt. In diesem Jahr ist alles anders. Das Schneechaos in Japan hat es sogar in die deutschen Nachrichten geschafft. Das war jedoch nachdem wir das gröbste in Mito überstanden hatten. Als ich am 8. Februar 2014 Richtung Sprachschule aufbrach wusste ich noch nicht wirklich worauf ich mich einließ. Zwar sind über Nacht schon etwa zehn Zentimeter Neuschnee gefallen, doch sollte es noch viel mehr werden. Es war mit Abstand die unangenehmste Fahrradfahrt die ich je hatte. Die Straßen waren rutschig und von oben herab fielen immer mehr und immer größere Flocken.

Diese Art von Winter ist in Mito fast unbekannt. Das letzte Mal als so viel Schnee lag, ist wohl fast zwanzig Jahre her, konnte ich in Erfahrung bringen. Für den Weg in die Stadt habe ich dann auch fast doppelt so lange gebraucht. Straßen wurden selbstverständlich nicht geräumt, weil für solche Bedingungen gar kein Gerät zur Verfügung steht. Die meisten Japaner hier in der Gegend tauschen auch nicht die Reifen. So kam es auch, dass man an diesem und den folgenden Tagen überproportional viele Fahrzeuge mit Schneeketten sah. Mitos Antwort auf die Katastrophe. Auch der öffentliche Personennahverkehr war davon betroffen.

Als die Sprachschule vorbei war lagen ungefähr zwanzig Zentimeter Schnee. Obwohl das Wetter nicht das schönste war und ich mich über ein bisschen Sonne gefreut hätte, machte ich meinen gewohnten Umweg zum Kairakuen Park. Ein Naturschauspiel, was so selten ist will man sich schließlich nicht entgehen lassen. Schon der Haupteingang war in ein wunderschönes Weiß getaucht. Im Park selbst waren ausnahmsweise mal sehr wenige Menschen unterwegs und so wirkte er besonders ruhig und friedlich. Normalerweise wird man beim flanieren von dem Geschrei vieler Krähen begleitet, aber aus sie bevorzugten die Ruhe. Auch wenn es doch sehr kalt war beschloss ich eine große Runde zu drehen und stellte mein Fahrrad an seinem üblichen Platz ab.


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Zunächst lief ich zu den Japanese Chessgrounds von denen aus man einen wunderschönen Blick über Mito und den Senba Lake hat. Ein Panoramabild von diesem Ort habe ich bereits vor einigen Wochen veröffentlicht. Mit Schnee sieht dann alles noch ein wenig schöner aus, auch wenn ich den Frühling kaum erwarten kann.

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Anschließend führte mich mein Weg zum Tokiwa Jinja Schrein, der sich direkt am anderen Ende des Parks befindet. Zu diesem Schrein sind wir auch zum Jahreswechsel gepilgert und er ist sozusagen das religiöse Zentrum von Mito. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es der größte ist und auch am zentralsten liegt.

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Es befinden sich mehrere Automaten und Geschäfte in der unmittelbaren Umgebung. Das Wetter war so unangenehm, dass fast alles geschlossen hatte. So blieb zum Aufwärmen nur ein heißer Kaffee aus einem Automaten. Den packte ich in meine Mantelinnentasche und machte mich auf zu meinem Lieblingsteil des Parks. Es gibt einen oberen Teil mit vielen Wiesen und Pflaumenbäumen, wo sich auch die Kobuntai befindet. Unterhalb der Chessground liegt ein kleines Wasserareal mit einer kleinen Quelle, der Togyokosen. In diesem Teil des Parks befinden sich auch einige Schutzhütten mit Bänken die vom Schnee verschont blieben. Dort beschloss ich eine kleine Pause zu machen um meinen Kaffee zu trinken und mein Frühstück zu essen.

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Um zum Gokoku Schrein zu gelangen muss man die Eisenbahngleise und eine größere Straße überqueren. Von der Baiou Brücke hat man einen wunderschönen Ausblick sowohl über einen Teil des Parkes, auf der anderen Seite auch noch zum Senba Lake.

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Blick über den Kairakuen Park von der Baiou Bridge.

Mir persönlich gefällt der Gokoku Schrein sehr viel mehr als Tokiwa Jinja. Als ich das erste Mal dort war und das Gras noch grün war, fand dort eine Blumenschau statt, die ein sehr freundliches Bild zeichnete. Auch in weiß getaucht, machte der Schrein einen harmonischeren Eindruck auf mich.

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Nachdem ich fast zwei Stunden unterwegs war, hat der meiste Teil meiner Körperwärme die Flucht ergriffen und ich machte mich auf die Suche nach ihr. Es war so gegen drei Uhr, und wenn man bedenkt, dass es ab vier Uhr schon bei normalem Wetter anfängt dunkel zu werden, so kann man sich vorstellen, wie es bei Schneefall aussieht. Ein kleiner Umweg über Senba Lake brachte mich dann wieder zurück zum Haupteingang und meinem Fahrrad.

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Nomunication

An diesem Tag habe ich in der Sprachschule mein erstes Wort auf Jenglish gelernt: Nomunication. Abgeleitet vom japanischen Nomu (飲む) was soviel heißt wie Trinken und dem englischen Wort communication. Die genaue Bedeutung erschließt sich fast automatisch. Um mit einem Japaner Kontakt aufzunehmen, muss man ihn abfüllen. Persönliche Erfahrung konnte ich auf diesem Gebiet ja auch schon sammeln.

Nijikai

Der Nomikai (飲み会) für Fortgeschrittene. Übrigens leitet sich dieses Wort auch von Nomu ab. Kai (会) steht für Treffen, wörtlich übersetzt heißt es also Tatsächlich Trinktreffen und ist damit sinngemäß mit Saufgelage zu übersetzten. Auch hier lehrt die Erfahrung, dass diese Übersetzung stimmt.

An disem Winterabend fand im Ibaraki University International House die Verabschiedung vieler Gaststudierenden statt. Dies wurde mit einem gemeinsamen Essen und alkoholfreien Getränken gefeiert. Jeder der uns verließ bekam noch ein paar kleine Geschenke und es wurden kurze Videos gezeigt. Es waren teilweise sehr rührende Szenen. (Die habe ich nicht mit Fotografieren ruiniert.)

Im Anschluss daran fand die After Party statt. Nijikai (二次会) steht dabei für zweites Treffen. Hierzu hat jeder ein wenig Geld gespendet und dann ich eine Gruppe von Menschen losgezogen um Einkaufen zu gehen. An diesem Punkt nahm die Party eine andere Gestalt an. Wie so oft wird dann schnell und viel Alkohol konsumiert. Dank eines ordentlichen Vorrats an Schnee kam es dann auch noch zu einer Schneeballschlacht. Teilweise vollkommen durchgeweicht saßen dann die Betrunkenen in der Lounge.

Als alle Vorräte aufgebraucht wurden, ging dann die Frage um, ob noch Bedarf nach mehr besteht. Natürlich zielte die Frage nicht wirklich auf das Ob, sondern viel eher auf das Wer ab. Die nächste Runde bezeichnet man dann als Sanjikai (三次会), drittes Treffen. Wer die Logik einer Reihenbildung anwenden kann, der weiß auch was als nächstes kommen würde. Mehr als vier Treffen können allerdings die wenigsten verkraften. Zwischen den verschiedenen Treffen ist es auch üblich, dass sich die Gäste verabschieden. Für mich war an diesem Abend nach dem Nijikai Schluss.

Der Wintereinbruch und meine Fahrradtour haben leider Spuren hinterlassen, so dass meine Stimme fast nicht mehr zu verstehen war. Da ja auch in Kürze mein Ausflug nach Sapporo anstand, wollte ich Schlimmeres verhindern.

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3 responses to “Eine Schneeflocke macht noch keinen Winter…

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